„Also dein Nachname ist Michelle?“

Gut, so langsam sollte ich dann mal verstanden haben, dass Pläne, die ausgemacht werden, in vielen Fällen keine große Chance haben dann wirklich umgesetzt zu werden :D. Bei Mangel an Spontanität ist ein längerer Aufenthalt in Indien also keine wirklich gute Idee. So wurde der Gang ins Visabüro auf Montag verschoben. Doch auch da lief es, gut, ich habe es nicht wirklich anders erwartet, nicht reibungslos. Allerdings hat sich die Dame viel Zeit genommen, um das fehlende Dokument genau zu erläutern. Dabei klang es auch nicht gerade, als ob das Eile hätte, bzw. möglicherweise, ob es überhaupt jemanden interessiert, ob das noch eingereicht wird… Ich lasse das Ganze also mal auf mich zukommen. Dass ich das Büro mit einer Einheimischen besucht habe, hat die Sache wohl auch um einiges einfacher und stressfreier gemacht.
Auf der Arbeit stand diese Woche einiges an. Nachdem schon am Dienstag die Imcares-Klinik offenstand und die Patienten der näheren Umgebung mit Medizin versorgt wurden, fuhren 3 weitere Mitarbeiter, der Doktor und ich am Mittwoch in ein Slumgebiet im Osten Mumbais. Das ganz natürlich im nicht gerade geräumigen Taxi, mit kistenweise Patientenakten, Tabletten, Lotionen, …, zu viert auf der Rückbank und dass es keine Klimaanlage gibt muss ich wahrscheinlich nicht sagen. Da war das Aussteigen bei 31 Grad geradezu eine wohltuende Abkühlung. Angekommen bauten wir die Krankenstation dort auf, wo sonst ein Mann unter der Plane wohnt. Alle 2 Wochen räumt er sein zu Hause jetzt schon seit ca. 9 Jahren aus, um dem Team dort einen Platz im Schatten zu geben. Bei der Ausgabe von Medikamenten hat er auch noch geholfen, weshalb ich mich darauf konzentrieren konnte, kein Kind bei der Ausgabe von Luftballons zu vergessen. Ich freue mich schon wahnsinnig, beim nächsten Mal meine Gummibärchen mitzubringen und das strahlende Lächeln der Kinder bei solchen Kleinigkeiten zu sehen. Somit hatten wir schlussendlich um die 85 Patienten, was den Aufwand also absolut wert machte.
Am Freitag ging es dann ereignisreich weiter. Nach und nach trafen um die 30 Patienten ein, sodass der Tag vorerst mit viel Gesang und Gebet starten konnte. Anschließend erzählten ein paar der Anwesenden, von denen der Großteil HIV infiziert ist, von ihrer Geschichte und wie sich deren Leben in Zusammenarbeit mit Imcares verbessert hat. Danach gab es Zeit auch noch in einzelnen Gesprächen zu erörtern, wie es den einzelnen Menschen geht und wie geholfen werden könnte. Weitere Momente, in denen es schön wäre, mehr zu verstehen und nicht immer einen Dolmetscher zu brauchen. Allerdings konnte ich diese Woche auch zum ersten Mal meine einstudierten Small-Talk-Sätze anwenden. Weiterhin beschränken sich meine neu erlernten Vokabeln eher auf die verschiedenen Gerichte, die zum Mittag mitgebracht werden, was ja aber auch kein schlechter Anfang ist.
Außerdem gab es diese Woche gleich 2 Anlässe für eine Torte. Der erste war der Geburtstag von Sonali, bei dem ich lernte, dass es wohl üblich ist, dass das Geburtstagkind die Ehre hat, das Stück einmal jedem vor dem Mund zu halten, damit jeder einen Bissen abbekommt. Eine also sehr faire Tradition :D. Die zweite Torte gab es dann, weil eine der Mitarbeiterinnen bald heiraten wird. Ein glücklicher, andererseits allerdings auch trauriger und emotionaler Moment für die Mitarbeiter. Die Hochzeit bedeutet nämlich, dass sie Mumbai und somit auch Imcares verlassen wird. Die langjährige Buchhalterin kam vor Jahren in einer schweren Phase ihres Lebens zu Imcares und ist somit längst nicht nur eine Mitarbeiterin. Glücklicherweise wird sie aber weiterhin in Notfällen zur Verfügung stehen und weiterhin als Teil der Gruppe bestehen bleiben.
Um der Langeweile in meiner Freizeit erst gar keine Chance zu geben, habe ich mich auf den Weg zur Organisation ‚The Welfare Of Stray Dogs‘ gemacht. Die Organisation wurde gegründet, um etwas gegen die verzweifelte Tötung von Streunern der Stadt zu unternehmen. Somit kümmern sie sich um deren Wunden, sterilisieren sie, operieren und sehr viele können sogar glücklicherweise weitervermittelt und somit adoptiert werden.
Dabei kann man beispielsweise am Sonntag an den Erste-Hilfe-Runden teilnehmen oder direkt in der Hauptstation helfen, was ich dann in den kommenden Wochen machen werde. Ich bin also gespannt und freue mich, hier auch in der Freizeit einen kleinen Teil zu einem schmerzfreieren Leben für Hunde und auch Katzen beitragen zu können und dabei sogar noch nette neue Menschen kennenzulernen. Zu meinem großen Vorteil spricht dort sogar wirklich jeder auch untereinander Englisch und ja, auch deutsch konnte ich mal wieder auspacken. Als ich mich während der Erste-Hilfe-Runde mit einem der langjährigen Freiwilligen unterhielt und er mich nach meinem Namen fragte, entgegnete er nach meiner Antwort plötzlich mit: „Dein Nachname ist also Michelle?“ Ja, bei dem Detail, dass es mein Vorname ist, musste ich ihn berichtigen, allerdings war die Aussprache beeindruckend perfekt. Die Antwort auf meine Frage, weshalb er sich entschieden hat Deutsch zu lernen, ist übrigens einfach: Von seiner Wohnung aus fährt ein direkter Bus zur Stelle des Kurses. So einfach ist es also, Entscheidungen zu treffen :D.
Was ich hier außerdem in den letzten 3 Wochen gelernt habe:
– Auch Einheimische haben Schweißdrüsen.
– Auch Inder kippen sich manchmal ausversehen Wasser neben den Mund.
– Werbegesichter auf Plakaten sind meist alles, aber niemals indischer Herkunft.

Ich hoffe, dass alles Aktuelle hier ganz gut zusammengefasst wurde, bis demnächst!

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