Durchatmen

Als wir nach einer spannenden Anfahrt mit Taxi, Bus und einem Auto für 9 Personen, in dem wir schlussendlich zu sechzehnt Platz fanden, im Agape Village ankamen, konnten frische Luft und die angenehmen Temperaturen erstmal entspannt und allein genossen werden, da alle Kinder in der Schule waren. Doch ab halb 6 kam wieder Leben aufs Gelände und ich wurde von allen herzlich empfangen.

Da am Donnerstag Feiertag war und nur die 10.-Klässler für ein paar Stunden zur Schule mussten, da nächste Woche die Prüfungen beginnen, stand kein langweiliger Tag an. Zuerst wurde nach dem Motto: -Erst die Arbeit, dann das Vergnügen gehandelt- und alle halfen beim Unkraut entfernen und Gras sensen. Da es um die Mittagszeit trotzdem recht heiß wird, war ich froh, dass ich mich am Ende ganz gut aus der Affäre ziehen und schonmal die nächste Aktivität vorbereiten konnte. Noch in Deutschland haben ein paar meiner Freundinnen Ausmalbilder vorbereitet, um mein mangelndes Talent zu überdecken. Zuvor hatte ich noch überlegt, ob das wirklich jedem Spaß machen wird, die Sorge war aber vollkommen überflüssig. Alle suchten sich schnell ihr Lieblingsmotiv aus und auch um ein paar neue Englisch-Vokabeln zu lernen waren die Bilder wirklich praktisch. Vor allem die Jungs beeindruckten mich sehr, da sie nicht nur mit Freude dabei, sondern im Anschluss auch noch eigene Bilder zauberten, von denen ich mir zu Hause gern ein paar in Großformat an die Wand hängen würde. Nach einem Marktbesuch konnte ich auch endlich Klebeband besorgen und die Wände etwas farbenfroher gestalten. In der restlichen Freizeit wurde ab und zu ein Film eingeworfen. Unter anderem ‚Narnia‘ worüber ich mich besonders freute und mir nach einigen Minuten dann auch erstmal bewusste wurde, dass ich die einzige im Raum bin, die überhaupt weiß, wie sich Schnee wirklich anfühlt und wie er aussieht…
Bei der täglichen Lernzeit sind mir des Öfteren meine Englischlehrer in den Sinn gekommen und es kam etwas Dankbarkeit auf, dass mir im Großen und Ganzen recht viel beigebracht wurde. Auch spannend ist, vor welche Herausforderungen einen sogar 6.-Klasse Mathematik stellen kann, weil man das einfach nur in der eigenen Muttersprache gewöhnt ist. Da fühlt es sich schon wie ein wahnsinniges Erfolgserlebnis an, wenn man es schafft, einem Jungen, der selbst kaum Englisch spricht, etwas Neues zu vermitteln. Bei der Regelung gerade Mathe und Naturwissenschaften auf Englisch zu unterrichten bin ich und ich denke auch viele weitere Schüler in Deutschland ganz froh, dass bei uns (zumindest an unserer Schule) dabei eher auf Fächer wie Geografie und Geschichte gesetzt wird.
In den vergangenen Tagen habe ich auf jeden Fall einiges an Gartenarbeit nachgeholt, da ich davon zu Hause netterweise so gut wie immer verschont wurde, Dankeschön :D. Da hier aber alle mit anpacken, macht das aber auch fast richtig Spaß; man sieht so schnell Fortschritte und wird von der Fröhlichkeit der Kinder mitgerissen. Belohnt wurde das ganze dann auch noch mit dem ein oder anderen Candle-Light-Dinner, das aber ehrlichgesagt auf Grund des ständigen Stromausfalls unvermeidbar war.
Außerdem konnte ich mein erlangtes Wissen über das Versorgen von Hunden hier auch praktisch anwenden, da Organisationen, wie es sie in Mumbai gibt, hier rar sind :D. Der Fokus liegt hier dann doch eher woanders und nicht auf dem Wohlbefinden der Hunde. Umso mehr haben die sich gefreut, wenn sie dann endlich mal etwas Aufmerksamkeit bekamen. So wurde mir beim Verteilen einer Salbe gut assistiert und ich hoffe, dass das vielleicht auch so beibehalten wird. Tierisch ging es weiter, denn die mehr oder weniger reifen Guaven wurden nicht nur von den Kinder zwischendurch verschlungen, auch ein Affe bediente sich in einem ruhigen Moment ausgiebig an den Früchten. Zusätzlich gab es nicht nur Zuwachs im Hühnerstall, sondern auch ein Junge, den ich schon in Mumbai kennenlernen konnte, zog vergangene Woche ein. Auch wenn er nicht so recht verstehen will, dass ich ihn nicht verstehe, klappt die Kommunikation ganz gut. Es ist wirklich schön zu sehen, wie er hier als Jüngster unter all den neuen großen Geschwistern aufgenommen wird und man sehen kann, wie er aufblüht. Da er noch nicht in der Schule angemeldet wurde, muss er schlussfolgernd auch den ganzen Tag beschäftigt werden. Das ist manchmal gar nicht so einfach, da ein Fünfjähriger doch einiges an Energie zum Verbrauchen hat, wobei ich aber sogar ab uns zu mal ein Wort auf Marathi aufschnappe und somit zumindest erahnen kann, was er vorhat.
Als Küchenhelfer konnte ich mein Talent besonders ausbauen. Meine Chapati-Künste sind von Grund auf gar nicht so schlecht, wie ich erwartet hätte, wodurch ich dabei jetzt theoretisch den genauen Plan habe und falls ich mich, wenn ich zurück bin aufraffen kann, auch zu Hause andere auf den Geschmack bringen werde. Schon verrückt, wenn man so überlegt, was andere Leute gerade tun und man selbst entspannt auf dem Küchenboden mitten im Nirgendwo sitzt und den Teig tiefenentspannt wendet. Auch wenn Lebensmittel zwischendurch aus Versehen auf den Boden fallen, hat hier endlich mal niemand etwas dagegen, wenn sie zurück in den Topf wandern.
Bei so einem gewaltigen Unterschied von Mumbai zum Bergdorf habe ich erstmal so richtig bemerkt, dass es Orte gibt, an denen die Uhr wohl wirklich langsamer tickt. Das lag aber wahrscheinlich auch teilweise daran, dass ich hier noch nicht so an die Tagesabläufe gewöhnt war wie im Büro in Mumbai.
In den letzten Tagen kam es durch familiäre oder gesundheitliche Probleme der Mitarbeiter zu dem ein oder anderen Problem, wodurch sich der Zeitplan nicht nur einmal änderte. Vorab hätte ich nie gedacht, dass ich mit viel Spontanität nicht vollkommen zurechtkommen würde. Auf einen Plan festlegen sollte ich mich aber wirklich nicht mehr. So wurden es noch ein paar mehr Tage, die aber nötig waren, um alles wieder zu ordnen. Heute ging es nach ereignisreichen 2 letzten Tagen, da sich einer der Jungs beim Beweis, dass er auch wirklich so weit springen kann, das Bein gebrochen hat, wieder zurück ins heiße Mumbai.

P.S.: Der Rekord der höchsten Anzahl erwachsener Personen auf einem Moped wurde endlich auf 4 erhöht.

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