Einleben leicht gemacht

Nachdem ich mein Zimmer im 3. Stock liebevoll und zum Wohlfühlen eingerichtet, Bilder an die Wand gehangen, einen Schrak aus Holzplatten, Ziegelsteinen und einer Gitarrenkiste gebaut und das Wichtigste: Kresse angepflanzt habe, konnte meine Zeit in der Großstadt endlich richtig beginnen. Am Sonntag ging es zum ersten Mal in die Kirche. Neben viel gemeinsamen Gesang (wofür meine bisher 10 Wörter Marathi leider nicht ausreichten), Austausch über die letzte Woche und Geburtstagsglückwünschen für zwei Anwesende, gab es im Anschluss ein gemütliches Beisammensein im freien bei Milchkaffe und Teigtaschen. Bei diesen und allem was ich bisher schon gegessen habe, bin ich besonders überrascht, dass es längst nicht so scharf, wie erwartet ist.
Auch der erste Marktbesuch stand an und die Besorgung der längst überfälligen Anti-Mückencreme. Die erste indische Wassermelone- zugegeben nicht so überwältigend wie erhofft- trotzdem eine sehr gute Investition.
Und dann begann auch schon der erste Arbeitstag. Na gut, nicht ganz, halb 12 musste ich erst im Büro sein. Das Warten hatte sich allerdings gelohnt. Timothy erklärte mir sehr ausführlich alles, was ich wissen wollte, außerdem die Geschichte von Imcares, einiges zu den Regeln und die Ziele der Organisation. Anschließend lernte ich die Mitarbeiter kennen, an deren Englisch ich mich wohl noch ein klein wenig gewöhnen muss :D. Ich konnte mich von Anfang sehr gut aufgenommen und wohl fühlen, zwar nicht besonders hilfreich, -wer ist das aber schon am ersten Tag?-, aber auch nicht wie jemand der nur im Weg herumsteht. Denn es gab sogar etwas zu tun, wofür man so gut wie nichts wissen musste. Ins Office kamen 5 Männer, die für die Abholung von ausrangierten Möbeln, Kassetten, technischen Geräten oder jeglichem Müll zuständig waren, engagiert, um Platz zu schaffen. Als dann alles rausgetragen wurde, waren plötzlich fast alle Mitarbeiter draußen, um zu schauen ob nicht doch noch etwas Brauchbares unter dem Haufen liegen könnte. Da sie den ersten Schritt gemacht haben, war das die perfekte Chance noch etwas für mein Zimmer zu finden. Das war auch nicht schwer, ein neuer Bilderrahmen schmückt jetzt meine Wand und fast auch eine Wanduhr, hätte einer der Männer sie nicht in einem unaufmerksamen Moment in den Transporter gepackt. Bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, wer jetzt hier wem Geld geben wird. Am Ende wurde das Rätsel gelöst und die Männer haben tatsächlich um die 1000 Rupien bezahlt, um die Sachen aufzuwerten und wiederzuverkaufen. Zur Stärkung gab es zwischendurch meinen ersten Chai, worauf auf jeden Fall noch sehr viele weitere folgen werden.
Danach ging zum ersten Mal so richtig los. Mit 2 Mitarbeiterinnen ging es auf die Straßen Mumbais um im Projekt Ankur (ein vor 2 Jahren ins Leben gerufenes Projekt, welches sich auf Kinder mit Behinderungen konzentriert) zu arbeiten. Das Ziel war es erstmal, zu sehen, wie es 2 Patientinnen die in einem Rotlichtviertel wohnen, geht. Falls diese von Krankheiten oder anderen Problemen betroffen sind, wird dann innerhalb der nächsten Tage, bzw. sobald es möglich ist, gehandelt. Auf dem Weg begegnete ich dem ersten großen Klischee Indiens. Na, wer errät es? Mein kurzzeitiges Erschrecken, als der Schwanz einer Kuh gegen mein Bein schlug, wandelte sich schnell in ein Schmunzeln. Ich glaube, auch nach der hundertsten wird das noch nicht zur Normalität werden. Kühe sind ja auch in Deutschland verhältnismäßig sehr entspannte Tiere. Beeindruckend ist trotzdem, wie gelassen sie da nur ein paar Zentimeter neben Massen an Menschen, Autos, Geräuschen und Fahrrädern (deren Fahrer übrigens auch sehr gut im Dauerklingeln sind) den Tag verstreichen lassen.
So verging der erste Arbeitstag auch für mich wie im Fluge. Die Mitarbeiter werden ich dann erst in einer Woche wiedersehen, da es schon morgen zum ersten Mal ins -Agape Village- gehen wird. Pünktlich bevor es das erste Mal für ein paar Tage weg geht (sehr viel schneller als eigentlich geplant), habe ich auch endlich einen Schlüssel für meine Tür und ein weiteres Türschloss bekommen. Vielleicht ist das kurzzeitige Auszeit von der Großstadt für jemanden wie mich, der von jetzt auf gleich von einem 500-Einwohner-Dorf in eine knapp 12-Millionen-Metropole zieht, auch gar nicht so schlecht. Allerdings komme ich bisher überraschend gut mit allem zurecht. Sogar das Überqueren der Straßen war zwar nicht einfach, aber schnell machbar. Das ist der Vorteil an so vielen Menschen: Man findet schnell jemanden, der einem gern hilft! Na ja, oder man hängt sich eben einfach vertrauensvoll an einen Einheimischen und wirkt als würde man das schon jahrelang tun. Bei meiner ersten Einkaufstour, bei der ich mir endlich indische Kleidung zugelegt habe, um ein klein bisschen weniger aus der Masse herauszustechen, wurde mir bewusst, wie viele Arbeitsplätze in manchen Läden geschaffen werden. Diese reichen natürlich trotzdem längst nicht aus, um einen drastischen Unterschied bemerkbar zu machen, allerdings gibt es hier für jede erdenkliche Aufgabe einen Mitarbeiter (zumindest in den größeren und westlicheren Läden in denen ich war). In dem Laden der mir von Timothy und Sonali empfohlen wurde, gab es einen Mann, der mir die Tür öffnete, einen Sicherheitsbeauftragten (vielleicht war er auch nur zum -Hallo sagen- zuständig, da bin ich mir nicht sicher :D), jemanden der mir eine Einkaufstasche reichte und zu guter Letzt einen Mitarbeiter der die Kasse beobachtete und extra für mich eine Neue öffnen ließ. Zugegeben, ein bisschen viel war die Aufmerksamkeit schon, etwas gegen die fehlende Wartezeit hatte ich aber auch nicht. Dass meine Kleidungsauswahl gut war, bestätigte mir auch eine nette Dame die neben mir an der Kasse stand (Die Kleider sind auf dem Bild zu sehen). Da mein Geld dann doch schneller als gedacht alle war, kam mir der Geldautomat auf dem Weg zurück gerade recht, um in den nächsten Tagen nicht vollkommen ohne Geld im Bergdorf zu sein. Alles in allem also bisher sehr ereignisreiche und schöne Tage. Jetzt muss ich aber zum Essen, es gibt Curry! (Abendessen gibt’s hier meist gegen 9, also sehr viel später als gewohnt. Allerdings bekämpfen die gestern gekauften Bananenchips, Früchte und Kekse den Hunger, falls welcher aufkommt, ziemlich gut!) Mal sehen wann ich wieder von mir hören lasse, da ich in den nächsten Tagen wahrscheinlich kein Internet haben werde, da sich das mit der Simkarte hier sehr schwierig gestaltet.

        

Bis die Tage, Michelle

3 Comments

  1. Hallo Michelle. Da hast du ja ein volles Programm, nicht viel mit Einarbeitungszeit. Ganz tolle Kleider und auf jedem rote Ampeln. Damit kommst du bestimmt gut über jede Kreuzung . Ich wünsche dir viel Erfolg im Hinterland und falls du Tieger siehst bitte nicht streicheln. Pass auf dich auf. Bis bald.

  2. Liebe Michelle,

    ich lese gerne deinen Blog und bin begeistert Indien in deinen Berichten wiederzuerkennen (10 Mitarbeiter in einem Mini-Shop? Hab mich immer etwas komisch gefühlt)..

    Du bist besser als meine Schwester, die es bisher noch nicht geschafft hat einen Blogeintrag zu schreiben. Also 2:0 für dich.

    Liebe Grüße und pass auf dich auf.

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