Zuneigung und Fürsorge stärkt

Liebe SeekandCare Familie,

Ich freue mich euch nach vier Wochen einen kleinen Bericht abliefernd zu dürfen, um euch an meinen Erfahrungen und Eindrücken teilhaben zu lassen.
Es gibt hier so vieles das so anders ist. Das meiste davon genieße ich vollkommen:
Das Essen, die Familie, freundliche Menschen und Begegnungen, frische Früchte und Säfte, Natur, Farben und die Andersartigkeit.
Bei vielem hätte ich vielleicht vor Kurzem noch gesagt das entspricht mir so gar nicht. Ich merke aber, dass das so gar nicht stimmt.
Es gibt Morgende, da wache ich auf, es dröhnt mir in den Ohren, der Smog macht die Luft fast dickflüssig und beim ersten Blick nach draußen sind die Straßen so dicht besiedelt, als das ich mich nicht unbedingt danach sehne das Zimmer zu verlassen.
Sobald ich draussen bin, teilhaben darf an diesem turbulenten, chaotisch flexiblen Lebensstil hier, liebe ich es die meiste Zeit heiß und innig. Mich einfach reinfallen- und darauf einzulassen schenkt mir ganz neue Perspektiven, Gedanken und Fähigkeiten. (Ich überquere Straßen wie eine Einheimische!)

Das Leben hier im Office ist recht strukturiert, Manchmal kommen die Menschen zu uns, manchmal bewegen wir uns durch die Stadt, besuchen, unterstützen, begleiten.
Großen Respekt habe ich vor den Menschen hier entwickelt, die diesen Dauer Stressoren ausgesetzt sind, sich aber auch nach nichts anderem sehnen. Es ist ein großes Geschenk daran teilhaben zu dürfen.
Auch, und vor allem, in der Arbeit mit Kindern und deren Familien habe ich diese Unterschiedlichkeiten wahrgenommen und überwunden. Hatte mein Hirn erst Schwierigkeiten sich von strukturierten Plänen, fixen Uhrzeiten und einer Menge therapeutischer Materialien und Werkzeuge zu verabschieden, bin ich jetzt voll und ganz da. Mein wichtigstes Instrument ist meine Präsenz, der ehrliche, direkte Kontakt, die Suche nach dem was in einem Leben hier, auf Mumbais Straßen, alltagsrelevant und überlebensnotwendig ist. Das gibt Sinn, das schafft Perspektiven und Möglichkeiten, da wo ich mich zuerst verzweifelt danach umgesehen hatte irgendwie helfen zu können.
Das IMCARES da ist, menschlich, nahbar und mitfühlend, das ist heilend.
Ich mag euch gerne noch von einem kleinen Jungen erzählen, der mit so schwerer Behinderung geboren wurde, als das man ihn in Deutschland (und auch an solchen Orten habe ich schon gearbeitet) in eine Unterbringung gesteckt, ein paar mal am Tag umgelegt, gefüttert und gewaschen hätte. Die Aussicht auf Selbstständigkeit und Teilhabe hätte man ihm nur im minimalsten Sinne zu ermöglichen gewusst, und das wäre es dann wohl für ihn gewesen. Stattdessen wird er aber hier geboren, als Sohn einer Mutter im Rotlichtviertel, immer dreckig, immer laut, kaum Hilfe. Was dieser Junge an Fähigkeiten entwickelt hat, in den vier Wochen die ich ihn jetzt begleiten darf, macht mich sprachlos. Die Mutter macht meinen Job quasi besser als ich es selbst könnte, ist immer da, bezieht ihn in alles ein, mobilisiert und trainiert in aufopferungsvoller Liebe. Und der Junge entwickelt sich, langsam aber beständig, und wächst jeden Tag über sich und seinen schwachen Körper hinaus. Das bewegt mich zutiefst, denn Hoffnung zu sehen, zu geben, zu nähren und zu fördern ist hier häufig das einzige was man tun kann um zu unterstützen. Aber es scheint mir neben all dem Schnickschnack der westlich materialistischen Möglichkeiten auch das einzig wirklich wichtige.

Zum Ende meiner Zeit hier freue ich mich schon euch noch mehr Einblick in meine Gedanken und Gefühlen vertraut zu geben. Doch da ich schon gemerkt habe, dass das jetzt noch zu sehr ausarten würde (ich glaube mittendrin zu sein bedeutet auch einfach noch mittendrin zu sein) wird das später passieren. Bis dahin bin ich gespannt was da noch auf mich wartet.

Liebste Grüße,
Und nochmals danke für diese Möglichkeit
Anna

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