Die Kunst des Wartens

Heute ist der dritte November. Ich kann es noch immer kaum glauben, tatsächlich wieder in Mumbai zu sein.

 

Hier folgt ein kurzer Rückblick in die vergangenen, sehr turbulenten 48 Stunden.

Am 1.11. bin ich morgens nach Frankfurt aufgebrochen, um am Abend meinen Flug zuerst nach London und dann nach Mumbai anzutreten. Am Tag zuvor hatte ich mir blöder Weise den Fuß umgeknickt, was für’s Gepäcktragen nicht sehr hilfreich war. So humpelte ich von Bahnsteig zu Bahnsteig und schließlich durch den Flughafen, wo mir sogar ein Rollstuhlservice angeboten wurde. Nach kurzem Überlegen lehnte ich allerdings ab, frei nach dem Motto „selbst ist die Frau“.

 

Ich verbrachte die folgenden sieben Stunden am Flughafen, bis ich endlich einchecken, die Sicherheitskontrolle passieren und nun auf das Boarding warten durfte.

Ja, der Start in diese Reise wurde von dem Wörtchen „Warten“ geprägt.

Gegen Abend hatte sich ein dichter Nebel sowohl über Frankfurt als auch über London gelegt, wodurch die Starterlaubnis immer wieder hinausgezögert wurde.

Bald war klar, dass ich meinen Anschlussflug nach Mumbai nicht schaffen würde. Also wartete ich geduldig in einer Menge von Mitbetroffenen auf eine Lösung unserer Anliegen. Meine Lösung sah folgendermaßen aus:

Mein Flug wurde auf den Folgetag umgebucht, sodass ich erst am 3.11. in Mumbai ankommen sollte. Das ist auch mal ein Erlebnis – Neun Stunden am Flughafen verbringen, um ihn dann wieder zu Fuß verlassen. Positiv an der ganzen Situation war allerdings, dass ich ein Hotelzimmer inklusive Abendessen und Frühstück und schlussendlich einen Direktflug bekam. All das kam auch meinem verstauchten Fuß sehr entgegen.

Zwölf Stunden später als geplant kam ich schließlich in Mumbai an. Nun gab es nur noch zwei Hürden: die Einreise und mein Koffer. Ersteres klappte ohne Probleme (was aus Erfahrung nicht selbstverständlich ist). Ob mein Koffer mitgekommen und nicht doch in London gelandet war, bezweifelte ich etwas. Nach sehr langem warten am Band, hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben. Eher zufällig streifte mein Blick einen Koffer. Ich dachte noch „ach der sieht fast aus wie meiner, schön wärs“, als ich plötzlich das neonfarbene Band am Griff entdeckte. „Oh, das ist ja sogar meiner!“ Unglaublich, dass das geklappt hat!

 

Endlich den Flughafen verlassend, entdeckte ich zum Glück sofort meine Leute unter den Massen von Indern, die alle irgendjemanden abholen wollten. Die Wiedersehensfreude war riesig, sodass alle Strapazen schnell vergessen waren.

 

„Daheim“ angekommen lief mir sogleich Dinesh über den Weg.

Dinesh ist im Kinderdorf in Paud aufgewachsen. Er hat dieses Jahr seine 10. Klasse beendet. Ich war sehr überrascht ihn hier anzutreffen. Da erzählte er mir, dass er nun in Mumbai im YMCA-Hotel eine Ausbildung zum Koch und Bäcker mache. Das freut mich unglaublich! Was für eine Möglichkeit für ein Kind, das aus elenden Verhältnissen zuerst in einem familiären Umfeld heranwachsen durfte und nun sogar eine gute Ausbildung genießt.

 

Für die nächsten 4-5 Tage werden Timothy und ich einen Strategieplan für das neue Projekt Ankur erstellen, um einerseits Behandlungspläne, Angehörigenberatung und Mitarbeitertraining zu organisieren und durchzuführen und andererseits mit potentiellen Kooperationspartnern in den entsprechenden Fachbereichen in Kontakt zu treten.

 

Ich freue mich auf den Ideenaustausch und das Ergebnis am Ende der Planungstage. Wir hoffen einige Physio- und Ergotherapeuten zu gewinnen, einmal pro Woche ihre Fachkompetenz ehrenamtlich einzubringen.

 

Rebekka

One Comment

  1. Hallo Rebekka, schön jetzt noch einige Einzelheiten von deinem Warten erfahren zu haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das Thema Warten wie ein roter Faden durch deinen Aufenthalt ziehen wird, Warten ist, vermute ich, auch in Indien ein Thema.
    Was deinen verstauchten Fuß anbelangt, hat deine Krankenschwestertante gesagt dass du auch noch mit Akkus kühlen sollst, bandagieren zu sicheren laufen und halt den Quark, wie ich schon gesagt hab. Ne Zerrung braucht seine Zeit – 3-4 Wochen.
    Lass es dir weiter gut gehen und vielleicht wirst du ja auch noch ein wenig gefeiert.
    Jedenfalls ganz tolle Gespräche und Ideen mit hohem Wirkungsgrad.

    Gesegnete Zeit deine Mom

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