Von der ersten indischen Hochzeit, oder auch nicht…

Wieder zurück in Mumbai konnte ich mich zuerst einmal auf ‚aam paper‘ freuen, ein aus Mangosaft hergestelltes Fruchtleder, was der perfekte Ersatz für die hier so gut wie nicht vorhandenen Gummibärchen ist. Mit in meinen Beutel wanderte auch noch ein Zimtapfel, den ich im Kinderheim endlich probiert habe, da ich mir so abschauen konnte wie und was man davon isst.
Diese Woche vermischten sich Mumbai und das Agape Village ein wenig, da einige der Kinder die Ferien bei ihren Familien verbracht hatten. Auch mit Gips und ohne Krücken wurde das Ziel irgendwie erreicht. Beim Besuch dieses Jungen hatte ich zuerst gedacht, dass die kleinteilige Gras- und Unkrautentfernung im gegenüberliegenden Park etwas übertrieben ist. Bei längerer Beobachtung stellte ich dann allerdings fest, dass die Männer Büschel für Büschel einzeln in die Erde stopfen, so kann man den Tag also auch rumkriegen…. Wir besuchten unter anderem die Mutter eines Jungen aus dem Agape Village. Durch Gassen, in denen man als hier überdurchschnittlich große Person besonders auf seinen Kopf achten und sich doch noch schnell schlanker machen musste, erreichten wir schließlich das Zimmer. Als wir ankamen, verschaffte ich mir zuerst einmal einen Überblick über die ca. 8m2, in der für 2 Frauen alles, bis auf eine Toiletten-/Waschecke zu finden war. Als ich so dasaß, wurde mir nach kurzem Durchdenken bewusst, dass in diesen Raum noch nicht einmal mein Bett von zu Hause, auf Grund der Breite, Platz hätte. Wie sähe das mit euren Möbeln und sonstigem Hab und Gut aus?
Schmal machen muss man sich auch in einigen Läden, in denen einfach alles was noch keinen neuen Besitzer gefunden hat übereinandergestapelt wird und man gerade so einen Fuß vor den anderen setzen kann. Amüsant finde ich die Straßen, in denen sich nahezu ein und dasselbe Geschäft aneinanderreiht, Tür für Tür. Das hört sich bei Elektronikgeschäften, bei denen es in einem Viertel geschätzt 50 auf einem Fleck gibt schon unnötig an, wenn man das gleiche Phänomen mit Spiegeln entdeckt gerät das dann schnell in den Hintergrund. Ja richtig, mindestens 10 Geschäfte hintereinander, die ausschließlich Spiegel in ihrem Sortiment haben. Leider hatte ich dafür gerade keinen Bedarf.
Am Wochenende stand die Hochzeit der ehemaligen Kollegin an, die sich ein paar Wochen zuvor leider aus dem Büro verabschiedet hatte. Schon etwas verspätet machten wir uns auf den Weg, auf welchem ich eigentlich gedacht hätte, dass das suspekte Fotografie-Verbot auf der Brücke, die wir überquerten, dass einzige Interessante wäre, um das Ziel noch vor Schluss der Zeremonie zu erreichen. Nachdem wir es nach 2 Stunden Kampf durch den Verkehr eigentlich schon fast geschafft hatten, ging dann plötzlich gar nichts mehr am Auto. Also ging es bei 34 Grad in der Mittagssonne erstmal ans Werkstatt suchen, was am Sonntag auch eine Herausforderung war, die letzten Endes auch nicht einmal abgeschlossen werden konnte. Also wurde schnell noch ein anderer hilfsbereiter Mann hinzugeholt, der mir half, das Auto von der Straße zu schieben, damit wir mit einer Auto-Rikscha weiterfahren konnten. Endlich angekommen gab es zwar kein Programm mehr, dafür konnten wir das Paar noch beglückwünschen und uns satt essen. Das auch bei besonderem Ambiente, da der Essenssaal aus einem Klassenzimmer bestand, in dem man auf der Tafel auch noch etwas vom vergangenen Englischunterricht aufschnappen konnte. Das Abenteuer wurde aber noch weitergeführt, da nachdem der Abschleppdienst ankam und die Reifen blockierten, noch ein paar mehr hilfsbereite Menschen nötig waren, die eine Achse abmontierten, bevor wir dann 4 Stunden später als geplant die Rückreise antreten konnten. Da Timothy dann noch eher aussteigen musste, um zu einem Termin zu gehen, konnte ich dann noch die letzte Herausforderung bewältigen, indem ich den Fahrer ohne gemeinsame Sprache zurück navigierte, um dann noch irgendwie einen freien Platz für die Gefährte in der recht schmalen Einfahrt zu finden. Dementsprechend froh war ich dann meinen übriggebliebenen Zuckerrohrsaft im Kühlschrank zu finden und den Sonntag schlussendlich noch entspannt ausklingen lassen zu können.
Schon des Öfteren ist mir aber die Selbstverständlichkeit des Gebens aufgefallen. So verdient man hier als Bettler verhältnismäßig nicht schlecht. Ich möchte das keinesfalls zu positiv darstellen, allerdings sieht man selten niemanden ein paar Münzen aus der Tasche kramen, wenn nur etwas Geduld im Spiel ist. Dabei natürlich keine wahnsinnigen Summen, ein paar Cent, trotzdem mehr, bzw. öfter, als ich erwartet hätte.

 

Durchatmen

Als wir nach einer spannenden Anfahrt mit Taxi, Bus und einem Auto für 9 Personen, in dem wir schlussendlich zu sechzehnt Platz fanden, im Agape Village ankamen, konnten frische Luft und die angenehmen Temperaturen erstmal entspannt und allein genossen werden, da alle Kinder in der Schule waren. Doch ab halb 6 kam wieder Leben aufs Gelände und ich wurde von allen herzlich empfangen.

Da am Donnerstag Feiertag war und nur die 10.-Klässler für ein paar Stunden zur Schule mussten, da nächste Woche die Prüfungen beginnen, stand kein langweiliger Tag an. Zuerst wurde nach dem Motto: -Erst die Arbeit, dann das Vergnügen gehandelt- und alle halfen beim Unkraut entfernen und Gras sensen. Da es um die Mittagszeit trotzdem recht heiß wird, war ich froh, dass ich mich am Ende ganz gut aus der Affäre ziehen und schonmal die nächste Aktivität vorbereiten konnte. Noch in Deutschland haben ein paar meiner Freundinnen Ausmalbilder vorbereitet, um mein mangelndes Talent zu überdecken. Zuvor hatte ich noch überlegt, ob das wirklich jedem Spaß machen wird, die Sorge war aber vollkommen überflüssig. Alle suchten sich schnell ihr Lieblingsmotiv aus und auch um ein paar neue Englisch-Vokabeln zu lernen waren die Bilder wirklich praktisch. Vor allem die Jungs beeindruckten mich sehr, da sie nicht nur mit Freude dabei, sondern im Anschluss auch noch eigene Bilder zauberten, von denen ich mir zu Hause gern ein paar in Großformat an die Wand hängen würde. Nach einem Marktbesuch konnte ich auch endlich Klebeband besorgen und die Wände etwas farbenfroher gestalten. In der restlichen Freizeit wurde ab und zu ein Film eingeworfen. Unter anderem ‚Narnia‘ worüber ich mich besonders freute und mir nach einigen Minuten dann auch erstmal bewusste wurde, dass ich die einzige im Raum bin, die überhaupt weiß, wie sich Schnee wirklich anfühlt und wie er aussieht…
Bei der täglichen Lernzeit sind mir des Öfteren meine Englischlehrer in den Sinn gekommen und es kam etwas Dankbarkeit auf, dass mir im Großen und Ganzen recht viel beigebracht wurde. Auch spannend ist, vor welche Herausforderungen einen sogar 6.-Klasse Mathematik stellen kann, weil man das einfach nur in der eigenen Muttersprache gewöhnt ist. Da fühlt es sich schon wie ein wahnsinniges Erfolgserlebnis an, wenn man es schafft, einem Jungen, der selbst kaum Englisch spricht, etwas Neues zu vermitteln. Bei der Regelung gerade Mathe und Naturwissenschaften auf Englisch zu unterrichten bin ich und ich denke auch viele weitere Schüler in Deutschland ganz froh, dass bei uns (zumindest an unserer Schule) dabei eher auf Fächer wie Geografie und Geschichte gesetzt wird.
In den vergangenen Tagen habe ich auf jeden Fall einiges an Gartenarbeit nachgeholt, da ich davon zu Hause netterweise so gut wie immer verschont wurde, Dankeschön :D. Da hier aber alle mit anpacken, macht das aber auch fast richtig Spaß; man sieht so schnell Fortschritte und wird von der Fröhlichkeit der Kinder mitgerissen. Belohnt wurde das ganze dann auch noch mit dem ein oder anderen Candle-Light-Dinner, das aber ehrlichgesagt auf Grund des ständigen Stromausfalls unvermeidbar war.
Außerdem konnte ich mein erlangtes Wissen über das Versorgen von Hunden hier auch praktisch anwenden, da Organisationen, wie es sie in Mumbai gibt, hier rar sind :D. Der Fokus liegt hier dann doch eher woanders und nicht auf dem Wohlbefinden der Hunde. Umso mehr haben die sich gefreut, wenn sie dann endlich mal etwas Aufmerksamkeit bekamen. So wurde mir beim Verteilen einer Salbe gut assistiert und ich hoffe, dass das vielleicht auch so beibehalten wird. Tierisch ging es weiter, denn die mehr oder weniger reifen Guaven wurden nicht nur von den Kinder zwischendurch verschlungen, auch ein Affe bediente sich in einem ruhigen Moment ausgiebig an den Früchten. Zusätzlich gab es nicht nur Zuwachs im Hühnerstall, sondern auch ein Junge, den ich schon in Mumbai kennenlernen konnte, zog vergangene Woche ein. Auch wenn er nicht so recht verstehen will, dass ich ihn nicht verstehe, klappt die Kommunikation ganz gut. Es ist wirklich schön zu sehen, wie er hier als Jüngster unter all den neuen großen Geschwistern aufgenommen wird und man sehen kann, wie er aufblüht. Da er noch nicht in der Schule angemeldet wurde, muss er schlussfolgernd auch den ganzen Tag beschäftigt werden. Das ist manchmal gar nicht so einfach, da ein Fünfjähriger doch einiges an Energie zum Verbrauchen hat, wobei ich aber sogar ab uns zu mal ein Wort auf Marathi aufschnappe und somit zumindest erahnen kann, was er vorhat.
Als Küchenhelfer konnte ich mein Talent besonders ausbauen. Meine Chapati-Künste sind von Grund auf gar nicht so schlecht, wie ich erwartet hätte, wodurch ich dabei jetzt theoretisch den genauen Plan habe und falls ich mich, wenn ich zurück bin aufraffen kann, auch zu Hause andere auf den Geschmack bringen werde. Schon verrückt, wenn man so überlegt, was andere Leute gerade tun und man selbst entspannt auf dem Küchenboden mitten im Nirgendwo sitzt und den Teig tiefenentspannt wendet. Auch wenn Lebensmittel zwischendurch aus Versehen auf den Boden fallen, hat hier endlich mal niemand etwas dagegen, wenn sie zurück in den Topf wandern.
Bei so einem gewaltigen Unterschied von Mumbai zum Bergdorf habe ich erstmal so richtig bemerkt, dass es Orte gibt, an denen die Uhr wohl wirklich langsamer tickt. Das lag aber wahrscheinlich auch teilweise daran, dass ich hier noch nicht so an die Tagesabläufe gewöhnt war wie im Büro in Mumbai.
In den letzten Tagen kam es durch familiäre oder gesundheitliche Probleme der Mitarbeiter zu dem ein oder anderen Problem, wodurch sich der Zeitplan nicht nur einmal änderte. Vorab hätte ich nie gedacht, dass ich mit viel Spontanität nicht vollkommen zurechtkommen würde. Auf einen Plan festlegen sollte ich mich aber wirklich nicht mehr. So wurden es noch ein paar mehr Tage, die aber nötig waren, um alles wieder zu ordnen. Heute ging es nach ereignisreichen 2 letzten Tagen, da sich einer der Jungs beim Beweis, dass er auch wirklich so weit springen kann, das Bein gebrochen hat, wieder zurück ins heiße Mumbai.

P.S.: Der Rekord der höchsten Anzahl erwachsener Personen auf einem Moped wurde endlich auf 4 erhöht.

Feuer, Feuer! Achso, das ist gewollt…

Die vergangene Woche war auch ohne Festival um einiges ereignisreicher als erwartet. Hier wurde mir aber wieder klar, dass ich mir genau das richtige Land ausgesucht habe, da ich mir nicht vorstellen kann, nach 9 Monaten hier alles normal zu finden.
Am Montag machte ich mich mit einem weiteren Mitarbeiter auf den Weg in ein Tuberkulosekrankenhaus, in dem wir 3 Patienten besuchten. Dass mich hier keine bekannten Verhältnisse erwarten werden war mir klar, dass hier aber wirklich jeweils um die 60 Patienten Bett an Bett in einer riesigen Halle auf uns warten würden, hat mich dann trotzdem ein wenig überrascht. Glücklicherweise haben sich bisher schon 2 von ihnen sehr gut erholt und können sogar bald wieder nach Hause. Die dritte Patientin hat leider noch sehr mit der Krankheit zu kämpfen, ich hoffe aber, dass wir ihr etwas mehr Mut und Kraft zusprechen konnten.
Zwischendurch hatte sich eine Mitarbeiterin am Teewasser verbrannt, wofür es aber schnell eine Lösung gab. Sofort wurde eine halbe Tube Zahnpasta auf den Arm geklatscht. Davon habe ich zwar auch schon mal als praktisches Hausmittel gehört, verwendet habe ich sie so aber noch nie.
Am Mittwoch wusste ich zu Beginn noch nicht so richtig, was mich an diesem Tag erwarten würde, da ich mir unter dem Namen ‚cleaning camp‘ zwar einiges vorstellen konnte, welche Ausmaße das aber nehmen würde hatte ich nicht gedacht. Als wir im Osten Mumbais aus dem Taxi stiegen warteten wir noch ein paar Minuten auf das Erscheinen einer anderen Organisation, welche einige hilfreiche Utensilien dabeihatte. Neben Essen und Trinken für die fleißigen Helfer, die uns später unterstützten, auch Besen, feuerfeste „Schaufeln“ (kleine Bretter, die so zum Einsatz kamen) und natürlich Handschuhe und Atemschutz. Mit dem Gepäck liefen wir durch eine schmale Gasse, in welcher der Geruch schon intensiver wurde und kamen an einer riesigen Überdachung an, unter der zahlreiche Menschen, Ziegen, Hühner und Hunde zu Hause sind. Da wurde nicht lang gefackelt und alle Mitarbeiter, Freiwillige und die helfenden Jungs verteilten sich in alle Bereiche der Halle, um möglichst viel Müll zu Haufen zusammenzukehren. Das war nicht unbedingt immer einfach. Neben der Hitze, die unter der Überdachung aber auszuhalten war, waren viele Plastikteile schon teilweise eingegraben, da ein Großteil des Untergrundes aus Erde und nicht aus Stein besteht. Da war nichts mit Perfektion und auch als wir die Haufen schlussendlich anzündeten, musste ich Gewohntes erstmal ganz weit in den Hintergrund schieben. Eine andere Möglichkeit gibt es hier aber leider nicht. Den Sport, den ich mir eigentlich für abends vorgenommen habe, konnte ich nach diesem Tag getrost verschieben, aber die Mühe hat sich auf jeden Fall gelohnt. Auch wenn die Zustände trotzdem nichts mit Sauberkeit zu tun haben, kann man jetzt immerhin für einen gewissen Zeitraum umherlaufen, ohne an Plastiktüten, Schnüren oder Ähnlichem hängen zu bleiben. Eine Woche, die so also gern nochmal wiederholt werden kann (bis auf die Sache mit dem verbrannten Arm)…
Die nächsten 2 Wochen ist wieder etwas Abwechslung angesagt und ich werde im Agape Village, bei angenehmeren Temperaturen, aushelfen.

“Thanks, but no thanks to the British”

Auf den Tag genau bin ich heute schon einen Monat in Mumbai. Ein Monat der im Nachhinein wahnsinnig schnell umging, zum Glück liegen aber noch viele Ereignisse vor mir. Mumbai ist für mich ein Ort, an dem einem glücklicherweise niemals langweilig werden kann und man trotz der Tatsache, dass ich noch nie an einem Ort mit so viel Verkehr ohne Bedenken auf der Straße laufen kann, wenn man nur ein klein wenig Vertrauen mitbringt.
Die Arbeitswoche ging hier mal wieder schnell um, nicht zuletzt, weil am Dienstag Nationalfeiertag war. Genau einen Tag vor dem der deutschen Einheit wurde hier der Tag zur Feier des Geburtstages von Mahatma Gandhi ins Leben gerufen. Den Tag nutzte ich zum einen, um ihn passend im Gandhi-Museum, dem Haus, indem er während seiner Zeit in Mumbai lebte, zu verbringen. Eine gute Wahl, da hier alles mit Blumen geschmückt worden war. Doch auch ein zweites Museum fand noch Platz im Tag. Hierbei hatte ich Glück, da mich ein Einheimischer begleitete. Ausländer zahlen hier nämlich meist den 10-fachen Eintritt. Dabei überschreitet man die 2€ wahrscheinlich trotzdem so gut wie nie, trotzdem verstecke ich mich für einen Schnäppchenpreis von 10 Rupien dann doch gern mal hinter der nächsten Ecke :D. Außerdem war ich diese Woche beim Quizabend, bei dem ich nicht wegen des Aussehens, oder der anderen Sprache (Die Fragen wurden sowieso auf Englisch gestellt), sondern erst bei den Fragen bei denen alle anderen Hände innerhalb von 2 Sekunden gehoben wurden, da es beispielsweise um einen bekannten Sportler der Region ging, auffiel. Alles in allem bin ich aber wahnsinnig froh, dass es hier verhältnismäßig vollkommen unkompliziert ist, die Sprache nicht zu beherrschen. So erinnere ich mich gern mal an den Satz, den Timothy am ersten Tag zu mir sagte (siehe Überschrift). Der ursprüngliche Grund bezüglich der ehemaligen Kolonialherrschaft ist eher weniger positiv, allerdings macht es die einheitliche Sprache so für mich, aber auch für viele vor allem jüngere Einwohner, sehr viel einfacher zu kommunizieren. Immerhin etwas weiter bin ich aber beim Lernen gekommen. Die Zahlen zu beherrschen hilft vor allem beim Busfahren sehr. Da dieser nur circa 5 Sekunden hält und man die arabischen Ziffern meistens erst auf den zweiten Blick entdeckt, vereinfacht das die Busfahrt ein wenig.
Im Büro konnte ich diese Woche mit meinem Laptop punkten, da ich so alle Patienten der letzten Wochen und Monate in die Excel-Tabellen einschreiben konnte. Allgemein ist hier alles sofort zu digitalisieren auch eher schwierig, da solche Anschaffungen natürlich ziemlich ins Budget einschlagen. Etliche Bücher werden hier zur Dokumentation der verschiedenen Projekte benötigt, um nicht durcheinander zu kommen. So versuche ich jetzt ein bisschen mehr Ordnung rein zu bringen.
Am Freitag ging es in das Day-Care-Center im Norden von Mumbai. Vollgepackt mit einem Wagen zur Hilfestellung eines Kindes, welches nicht laufen kann, und 3 großen Säcken Reis ging es mit dem Taxi los. Schon nicht schlecht, für knapp 2€ einmal ohne Wartezeit durch halb Mumbai zu kommen. Mit dem ganzen Gepäck wären öffentliche Verkehrsmittel allerdings auch eine Tortur gewesen :D. Angekommen erwarteten uns zuerst ca. 25 3-4-jährige, die hier jeden Tag ein leckeres Mittagessen und außerdem die ersten Wörter englisch eingetrichtert bekommen. Da war erst gegen 11 ankamen, habe ich nur das mitbekommen. Von der Lautstärke hat das aber auch für einen Tag gereicht, da die Kinder beim Nachschreien der Wochentage und Zahlen mit vollem Elan dabei waren.
Im Anschluss an die ersten Mittagsgäste folgte dann der eigentliche Grund unserer Anreise. Zu Besuch kamen viele Kinder aus dem Projekt ‚Ankur‘, die hier zum Spielen, Essen und zum Austausch der Mütter und Mitarbeiter zusammenkamen. Erneut war es nicht schwer, mit Luftballons Begeisterung zu entfachen und gerade das Zerplatzen kam besonders gut an. Es war schön zu sehen, wie sich die Kinder trotz ihrer eigenen Einschränkungen gegenseitig geholfen haben und Rücksicht nahmen. Zum Schluss wurden noch ein paar Sequenzen für die Website aufgenommen.
Die 2€ fürs Taxi sind aber wiederum auch nichts im Vergleich zu den umgerechnet 6 Cent pro Person für die gleiche Strecke. Beim Zug und Bus fahren könnte ich mich theoretisch gut an die offenen Türen gewöhnen. Nicht nur einmal kam ich zu Hause um 2 Sekunden zu spät an und die Bahntüren ließen sich nicht mehr öffnen, oder der Busfahrer hatte einen schlechten Tag und hat mich ebenfalls stehen lassen. Gut, vielleicht doch lieber geschlossenen Türen im Winter, oder wenn es regnet… Vielleicht doch keine Idee, die auch in Deutschland umgesetzt werden sollte.
Ich bin gespannt auf die nächsten Wochen, da z.B. am Mittwoch schon das nächste Hindu-Festival beginnt!

„Also dein Nachname ist Michelle?“

Gut, so langsam sollte ich dann mal verstanden haben, dass Pläne, die ausgemacht werden, in vielen Fällen keine große Chance haben dann wirklich umgesetzt zu werden :D. Bei Mangel an Spontanität ist ein längerer Aufenthalt in Indien also keine wirklich gute Idee. So wurde der Gang ins Visabüro auf Montag verschoben. Doch auch da lief es, gut, ich habe es nicht wirklich anders erwartet, nicht reibungslos. Allerdings hat sich die Dame viel Zeit genommen, um das fehlende Dokument genau zu erläutern. Dabei klang es auch nicht gerade, als ob das Eile hätte, bzw. möglicherweise, ob es überhaupt jemanden interessiert, ob das noch eingereicht wird… Ich lasse das Ganze also mal auf mich zukommen. Dass ich das Büro mit einer Einheimischen besucht habe, hat die Sache wohl auch um einiges einfacher und stressfreier gemacht.
Auf der Arbeit stand diese Woche einiges an. Nachdem schon am Dienstag die Imcares-Klinik offenstand und die Patienten der näheren Umgebung mit Medizin versorgt wurden, fuhren 3 weitere Mitarbeiter, der Doktor und ich am Mittwoch in ein Slumgebiet im Osten Mumbais. Das ganz natürlich im nicht gerade geräumigen Taxi, mit kistenweise Patientenakten, Tabletten, Lotionen, …, zu viert auf der Rückbank und dass es keine Klimaanlage gibt muss ich wahrscheinlich nicht sagen. Da war das Aussteigen bei 31 Grad geradezu eine wohltuende Abkühlung. Angekommen bauten wir die Krankenstation dort auf, wo sonst ein Mann unter der Plane wohnt. Alle 2 Wochen räumt er sein zu Hause jetzt schon seit ca. 9 Jahren aus, um dem Team dort einen Platz im Schatten zu geben. Bei der Ausgabe von Medikamenten hat er auch noch geholfen, weshalb ich mich darauf konzentrieren konnte, kein Kind bei der Ausgabe von Luftballons zu vergessen. Ich freue mich schon wahnsinnig, beim nächsten Mal meine Gummibärchen mitzubringen und das strahlende Lächeln der Kinder bei solchen Kleinigkeiten zu sehen. Somit hatten wir schlussendlich um die 85 Patienten, was den Aufwand also absolut wert machte.
Am Freitag ging es dann ereignisreich weiter. Nach und nach trafen um die 30 Patienten ein, sodass der Tag vorerst mit viel Gesang und Gebet starten konnte. Anschließend erzählten ein paar der Anwesenden, von denen der Großteil HIV infiziert ist, von ihrer Geschichte und wie sich deren Leben in Zusammenarbeit mit Imcares verbessert hat. Danach gab es Zeit auch noch in einzelnen Gesprächen zu erörtern, wie es den einzelnen Menschen geht und wie geholfen werden könnte. Weitere Momente, in denen es schön wäre, mehr zu verstehen und nicht immer einen Dolmetscher zu brauchen. Allerdings konnte ich diese Woche auch zum ersten Mal meine einstudierten Small-Talk-Sätze anwenden. Weiterhin beschränken sich meine neu erlernten Vokabeln eher auf die verschiedenen Gerichte, die zum Mittag mitgebracht werden, was ja aber auch kein schlechter Anfang ist.
Außerdem gab es diese Woche gleich 2 Anlässe für eine Torte. Der erste war der Geburtstag von Sonali, bei dem ich lernte, dass es wohl üblich ist, dass das Geburtstagkind die Ehre hat, das Stück einmal jedem vor dem Mund zu halten, damit jeder einen Bissen abbekommt. Eine also sehr faire Tradition :D. Die zweite Torte gab es dann, weil eine der Mitarbeiterinnen bald heiraten wird. Ein glücklicher, andererseits allerdings auch trauriger und emotionaler Moment für die Mitarbeiter. Die Hochzeit bedeutet nämlich, dass sie Mumbai und somit auch Imcares verlassen wird. Die langjährige Buchhalterin kam vor Jahren in einer schweren Phase ihres Lebens zu Imcares und ist somit längst nicht nur eine Mitarbeiterin. Glücklicherweise wird sie aber weiterhin in Notfällen zur Verfügung stehen und weiterhin als Teil der Gruppe bestehen bleiben.
Um der Langeweile in meiner Freizeit erst gar keine Chance zu geben, habe ich mich auf den Weg zur Organisation ‚The Welfare Of Stray Dogs‘ gemacht. Die Organisation wurde gegründet, um etwas gegen die verzweifelte Tötung von Streunern der Stadt zu unternehmen. Somit kümmern sie sich um deren Wunden, sterilisieren sie, operieren und sehr viele können sogar glücklicherweise weitervermittelt und somit adoptiert werden.
Dabei kann man beispielsweise am Sonntag an den Erste-Hilfe-Runden teilnehmen oder direkt in der Hauptstation helfen, was ich dann in den kommenden Wochen machen werde. Ich bin also gespannt und freue mich, hier auch in der Freizeit einen kleinen Teil zu einem schmerzfreieren Leben für Hunde und auch Katzen beitragen zu können und dabei sogar noch nette neue Menschen kennenzulernen. Zu meinem großen Vorteil spricht dort sogar wirklich jeder auch untereinander Englisch und ja, auch deutsch konnte ich mal wieder auspacken. Als ich mich während der Erste-Hilfe-Runde mit einem der langjährigen Freiwilligen unterhielt und er mich nach meinem Namen fragte, entgegnete er nach meiner Antwort plötzlich mit: „Dein Nachname ist also Michelle?“ Ja, bei dem Detail, dass es mein Vorname ist, musste ich ihn berichtigen, allerdings war die Aussprache beeindruckend perfekt. Die Antwort auf meine Frage, weshalb er sich entschieden hat Deutsch zu lernen, ist übrigens einfach: Von seiner Wohnung aus fährt ein direkter Bus zur Stelle des Kurses. So einfach ist es also, Entscheidungen zu treffen :D.
Was ich hier außerdem in den letzten 3 Wochen gelernt habe:
– Auch Einheimische haben Schweißdrüsen.
– Auch Inder kippen sich manchmal ausversehen Wasser neben den Mund.
– Werbegesichter auf Plakaten sind meist alles, aber niemals indischer Herkunft.

Ich hoffe, dass alles Aktuelle hier ganz gut zusammengefasst wurde, bis demnächst!

Landleben mal anders

Neben den schon erwähnten Massen an Vögeln, die hier regelrecht herangezüchtet werden, gibt es auf Mumbais Straßen noch so einiges zu entdecken. Nicht nur Kühe, sondern auch zahlreiche Ziegen. Hühner, Schafe, Hunde und Katzen trifft man hier alle paar Meter an. So groß ist der Unterschied zum Bergdorf also auch wieder nicht…
Neben dem Ausprobieren vieler neuer Wege und Erkunden der Umgebung ging die Arbeit in Mumbai diese Woche so richtig los. Hauptsächlich wird meine Energie dabei erstmal für die täglichen Rundgänge in der Umgebung gefordert, bei denen nach schon bekannten und neuen Patienten Ausschau gehalten und sich dann um sie gekümmert wird. Praktisch dabei: Es muss nur eine Trinkflasche mitgenommen, da beim Trinken sowieso niemand die Öffnung berührt, um den Keimen so ein klein wenig aus dem Weg zu gehen, falls das jemanden stören sollte. Außerdem ist es für mich leichter, neue Früchte auszuprobieren, wenn die Mitarbeiter mir vormachen können, wie und was man davon isst, z.B. bei einer meiner Favoriten, der Wasserkastanie. Dem entspannten Gang beim Umherlaufen konnte ich mir schnell abschauen und das war auch gut so (Straße überqueren ausgenommen, da würde ich gern ein wenig schneller drüber sein :D), extrem heiß ist es zwar gerade nicht, die hohe Luftfeuchtigkeit lässt aber schon einen Unterschied zu zu Hause spüren. Um das mal zu verdeutlichen, kann ich sagen, dass meine offengelassenen Kekspackungen ständig zu zerdrückbaren Keksen führen… Trotzdem noch lecker (Bin fleißig am Durchprobieren). Besonders praktisch ist, wenn ein Mann mit auf die Runden kommt. Nein, nicht aus Sicherheitsgründen. Die Tasche mit Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel und anderen Versorgungsutensilien wird auf Dauer schon ein wenig schwer, da kommt ein hilfsbereiter Mann, der sich dazu verpflichtet fühlt ganz gelegen :D. Außerdem bin ich das erste Mal so richtig auf das ausgeklügelte Mülltrennungssystem aufmerksam geworden. Nämlich Trennung ausschließlich in trockene und nasse Abfälle. Trotzdem könnt ihr euch wahrscheinlich denken, dass auch der Versuch nicht so wirklich umgesetzt werden konnte.
Die letzte Runde brachte mich dann auch zu meinem bisherigen Lieblingsplatz. Ein Park direkt am Meer mit einem Loch im Zaun, der Zutritt zum Wasser gewährt. Nicht so bekannt wie der Chowpatty Beach, sprich weniger oder möglicherweise so gar keine Menschen, die ständig ein Foto machen möchten. Obendrauf konnte wir dabei eine Frau, die zuerst sturköpfig war, überzeugen, am nächsten Tag einen HIV-Test im Krankenhaus machen zu lassen, der dann endlich zu den benötigten Medikamenten führen kann.
Auf den Runden fallen gerade jetzt zur Zeit des Hindu-Festivals die Schreine auf, die sich alle 100 Meter mit vielen Menschen und Musik bemerkbar machen. Doch wer bezahlt eigentlich diese kunstvoll ausgeschmückten Elefantenfiguren mit sämtlichem Schnickschnack? Richtig. Die Menschen, die nur 3 Meter weiter auf der Straße leben. Besonders hier wird deutlich, wie viel Kraft hier aus dem Glauben gezogen wird. Obwohl es kaum mehr geht werden zu dieser Zeit des Jahres alle Bedürfnisse noch weiter hinuntergeschraubt, um etwas beizusteuern. Wo bei uns gegen die Zugabe von Geldern für beispielsweise Zufahrtswege im eigenen Wohnort Beschwerde eingereicht wird, geben die Menschen hier von eigentlich Nichts noch etwas ab.
An dieser Stelle möchte ich hier auch mal meinen Respekt an alle Autofahrer aussprechen. Dass es hier nicht alle 3 Minuten zu einem Unfall kommt ist mir ein Rätsel. Zwar würde dabei immerhin nicht viel passieren, da man sowieso nicht schnell fahren kann, dass aber nicht einmal Blech zu Schaden kommt, zumindest noch nicht in meiner Anwesenheit, ist erstaunlich. (Gut, die Karosserie der meisten Autos sieht ehrlich gesagt nicht wirklich makellos aus.)
Außerdem kommt jeden Dienstag ein Doktor zum Büro, um dort Patienten zu versorgen. Anschließend bekommen diese noch die nötigen Medikamente für die nächste Woche. Dabei war ich für das Aufnehmen in die Patientenakte und Eintragen in verschiedenste Bücher zuständig. An sich eine lösbare Aufnahme, ein paar Probleme machten mir die ganzen Namen, von deren Schreibweise ich keinen Schimmer hatte, schon. Allerdings konnte man sich mit den vorherigen Einträgen ganz gut selbst helfen. Es ist schon echt interessant, so vollkommen dabei zu sein, ohne jegliche medizinische Ausbildung; ich bin also gezwungen schnell zu lernen.
2 Wochen sind es jetzt schon fast, 2 schöne und erlebnisreiche Wochen. Das bedeutet allerdings auch das Ablaufen der Zeit für das Aufsuchen des Büros, dass mein Visum erneut bestätigen sollte. Da Indien aber den Stress liebt, werden hier insbesondere die Einreisegesetze mindestens jedes halbe Jahr komplett umgeworfen und neue aus dem Ärmel gezogen. So kam es also, dass die Polizei die Dokumente nicht ohne die Dokumente der Visastelle und umgekehrt abstempeln wollte. Auch nachdem wir unübertrieben zum vierten Mal aufkreuzten, da wir immer wieder mit neuen Vorwänden weggeschickt wurden, änderte sich auf meinem Dokument nichts. Wie das noch weitergeht, weiß ich selbst nicht und im Büro sind auch alle überfragt. Dass hier durch das Aufeinandertreffen so vieler Religionen praktisch jeden Tag ein Festival, bzw. besonderer Tag zu Ehren eines Gottes stattfindet, war es besonders in den letzten 2 Wochen schwer einen Beamten zu finden, der sich jetzt damit auseinandersetzen will. Morgen muss ich dann auf die Visastelle und es muss klappen…

Also auf einen guten Start in den morgigen Tag!
Liebe grüße, Michelle
P.S.: Auf dem Bild zu sehen: Deutschland so nah und doch so fern…

Auftrag erfüllt!

Auf dem Weg ins Agape Village kamen wir wieder an interessanten Ecken Mumbais vorbei. Timothy erzählte mir von einer Religion, in der es ein Ritual ist, die Tauben der Stadt zu füttern, als wir an Einem vorbeifuhren, der dieses praktizierte. Wäre schon interessant zu wissen, wie das wohl in deutschen Städten ankommen würde. Ich tippe, eine riesige Tüte voller Maiskörner dort auszukippen wäre wohl nicht die allerbeste Idee.
Die Hühnereier eines Mannes, der grob durchgerechnet 300 Stück, gestapelt auf seinem Fahrradgepäckträger durch die Straßen kutschierte brauchten wir nicht, da diese später im Kinderheim durch die vielen Hennen vorhanden waren und auch des Öfteren eines vor meiner Tür abgelegt wurde. Respekt haben sie sich auch gemacht, da ich in den nur 3 Tagen 2 Mal von einem Hahn attackiert wurde. Wahrscheinlich bin ich einfach zu unangsteinflößend an die Sache heran gegangen…
Auf dem Weg machten wir noch Halt bei McDonald’s. Ich hätte nicht gedacht, dass ich schon nach so kurzer Zeit nicht drum herumkomme hier zu essen :D. Allerdings ist die Kette und auch etliche andere Etablisments für mich als Vegetarier verleichsweise ein Paradies, da kann sich Deutschland noch so einiges abschauen. Die Fahrtzeit begann zu schwinden und endete im letzten Drittel mit einer Strecke die, ich weiß nicht so recht, wie man es am besten beschreiben kann, aber auch wenn ich noch nie auf einem saß, einem Kamelritt glich. Ein weiteres Mal, bin ich nicht traurig darüber, keinen internationalen Führerschein beantragt zu haben. (Auch wenn den hier wahrscheinlich eh nie jemand sehen wollen würde.)
Als wir ankamen waren die meisten Kinder sofort interessiert, wie ich heiße, wo ich herkomme, ob ich Geschwister habe oder wann mein Geburtstag ist. Besonders beliebt war auch zu fragen, wen meiner Vorgänger ich alles kenne. Ich habe versucht bei den Dingen zu helfen, die mir nicht vollkommen neu waren. Gemüse schneiden war zum Beispiel ein sehr gut machbarer Job. Hier konnte man dann auch einiges an neuen Gemüsesorten kennenlernen, Ladyfinger zum Beispiel. Dabei habe ich hier meine neue Lieblingsmethode zum Runterkommen gefunden: Knoblauch schälen. Am besten noch mit Marathi-Gesprächen im Hintergrund – perfekt. Dabei herrscht kein komisches Schweigen, trotzdem muss, bzw. kann ich mich nicht ins Gespräch einbringen und somit in aller Ruhe Knoblauch schälen. Allerdings wird mir besonders hier klar, dass es schon echt eine gute Sache wäre, dann wenn es spannend klingt, wenigstens zu wissen worum es geht. Mal sehen, was sich da in meiner Zeit noch machen lässt. Auch beim Hausaufgaben machen, Unkraut jäten und Hockey spielen konnte ich mich ganz gut einbringen.
Hier wurde mein Körper, bzw. mein Magen, zum ersten Mal so richtig ausgetestet und hätte ich nicht endlich mal ein paar Ratten gesehen, hätte ich mich auch gewundert, wo die ganzen Klischees versteckt sein sollen. Trotz Händewaschen im Gemüsekochwasser, fehlenden Schneidebretts und Nutzen des Tisches und der Perfektionierung meiner Künste mit den Händen zu essen, kann ich mich nicht beschweren, mir geht’s weiterhin gesundheitlich sehr gut, auch wenn die Intensität des Schärfegrades hier etwas angezogen hat. (Die aufgezählten Punkte deswegen bitte nicht negativ aufnehmen!)
Auf dem Markt war ich zunächst etwas überfordert, da ich mich schon gefreut hatte einen schönen Stand mit Kleidern gefunden zu haben, als mir dann der Verkäufer sehr freundlich und in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen, um es auch auf Englisch verständlich zu machen, dass das nur die Stoffe sind, die erst noch in einer Schneiderei zum Kleid gemacht werden müssen. Verkraftet habe ich das aber schnell, denn vor allem die erste Tube Hennafarbe und ein Fußkettchen trösteten mich darüber hinweg. Als ich die Frau nach den separaten Preisen für die Dinge fragte, zeigte sie mir zwar beide Male einfach nur Zeige- und Mittelfinger, vielleicht wollte sie also zu Beginn erstmal Frieden schließen… Ich habe mich dann aber doch für Variante 2 entschieden und die Preise angenommen, die ich als realistisch empfand und ich denke, dabei wurde ich auch nicht allzu sehr übers Ohr gehauen. Nach dem dritten Mal raus und reingehen habe ich mir meinen Kopf dann auch endlich nicht mehr am Eingangstor gestoßen. Ja ja, dass ich hier trotz eigentlich nur 1,74m um einiges größer bin als alle anderen war mir schon am Flughafen klar, als ich den Vorteil nutzen und damit einen Überblick über alle Koffer hatte und deswegen am Kofferband nicht wie alle anderen um die vorderen Plätze kämpfen musste. Jetzt musste ich nur noch jemanden finden, der geschickter im Hennafarbe auftragen ist als ich… Das war zum Glück auch nicht schwer, denn schon 2 Minuten nachdem jemand meine amateurhafte Zeichnung am Fuß sah, wurde ich schon gefragt, ob mir eines der Mädchen auf die Hand malen darf. Mich dafür zu überreden hat nicht lang gedauert.
Naomi hatte mir, als ich sie im Mai bei ihr zu Hause besucht habe, um mir im Vorfeld von ihrer Zeit berichten zu lassen, ein paar ihrer restlichen Rupien gegeben, damit ich sie sinnvoll in Eis für die Kinder hier umsetzen kann. Nachdem diese auch ständig nur von ihr Naomi Didi schwärmten, hatten sie das auch wirklich verdient! Da sie am Donnerstag aufgrund des Feiertages -wegen des Hindu- Festivals ‘Ganesh Chaturthi- frei hatten, passte das auch besonders. Dabei sprang sogar Samosa und Mangoeis + genug übriges Geld für eine nächste Runde in den kommenden Tagen. Also: Auftrag erfüllt! Apropos Mangos: Die wachsen hier leider erst im März, aber zum Glück bin ich dann ja auch noch da .
Als Abschlussfrühstück gab es dann noch Rührei mit Brötchen, nicht wie sonst Reis in verschiedenen Variationen, fast wie zu Hause. Wie gesagt fast, oder kommt bei euch auch eine Chilischote und eine Zwiebel auf ein Ei? 😀
Alles in allem, ein paar sehr schöne Tage, ich werde auf jeden Fall wiederkommen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass Mumbai mehr für mich ist. Ich denke, das Bergdorf ist eine tolle Möglichkeit um aus dem lauten Großstadtalltag herauszukommen und umgeben von wundervoller Natur zu sein. Ich hoffe, dass ich mich in Mumbai schnell zu einer nützlichen Hilfe einarbeiten kann. Da am Tag unserer Anreise ins Agape Village auch gerade ein Paar angekommen ist, welches angefangen hat, dort zu arbeiten, mache ich mir keine Gedanken, dass es dort zu wenige Helfer gibt. Auch die Kinder sind durch ihre wahnsinnig gute Erziehung (zumindest von dem, was ich mitbekommen habe) eine große Hilfe im Alltag.

Liebe Grüße, Michelle

Einleben leicht gemacht

Nachdem ich mein Zimmer im 3. Stock liebevoll und zum Wohlfühlen eingerichtet, Bilder an die Wand gehangen, einen Schrak aus Holzplatten, Ziegelsteinen und einer Gitarrenkiste gebaut und das Wichtigste: Kresse angepflanzt habe, konnte meine Zeit in der Großstadt endlich richtig beginnen. Am Sonntag ging es zum ersten Mal in die Kirche. Neben viel gemeinsamen Gesang (wofür meine bisher 10 Wörter Marathi leider nicht ausreichten), Austausch über die letzte Woche und Geburtstagsglückwünschen für zwei Anwesende, gab es im Anschluss ein gemütliches Beisammensein im freien bei Milchkaffe und Teigtaschen. Bei diesen und allem was ich bisher schon gegessen habe, bin ich besonders überrascht, dass es längst nicht so scharf, wie erwartet ist.
Auch der erste Marktbesuch stand an und die Besorgung der längst überfälligen Anti-Mückencreme. Die erste indische Wassermelone- zugegeben nicht so überwältigend wie erhofft- trotzdem eine sehr gute Investition.
Und dann begann auch schon der erste Arbeitstag. Na gut, nicht ganz, halb 12 musste ich erst im Büro sein. Das Warten hatte sich allerdings gelohnt. Timothy erklärte mir sehr ausführlich alles, was ich wissen wollte, außerdem die Geschichte von Imcares, einiges zu den Regeln und die Ziele der Organisation. Anschließend lernte ich die Mitarbeiter kennen, an deren Englisch ich mich wohl noch ein klein wenig gewöhnen muss :D. Ich konnte mich von Anfang sehr gut aufgenommen und wohl fühlen, zwar nicht besonders hilfreich, -wer ist das aber schon am ersten Tag?-, aber auch nicht wie jemand der nur im Weg herumsteht. Denn es gab sogar etwas zu tun, wofür man so gut wie nichts wissen musste. Ins Office kamen 5 Männer, die für die Abholung von ausrangierten Möbeln, Kassetten, technischen Geräten oder jeglichem Müll zuständig waren, engagiert, um Platz zu schaffen. Als dann alles rausgetragen wurde, waren plötzlich fast alle Mitarbeiter draußen, um zu schauen ob nicht doch noch etwas Brauchbares unter dem Haufen liegen könnte. Da sie den ersten Schritt gemacht haben, war das die perfekte Chance noch etwas für mein Zimmer zu finden. Das war auch nicht schwer, ein neuer Bilderrahmen schmückt jetzt meine Wand und fast auch eine Wanduhr, hätte einer der Männer sie nicht in einem unaufmerksamen Moment in den Transporter gepackt. Bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, wer jetzt hier wem Geld geben wird. Am Ende wurde das Rätsel gelöst und die Männer haben tatsächlich um die 1000 Rupien bezahlt, um die Sachen aufzuwerten und wiederzuverkaufen. Zur Stärkung gab es zwischendurch meinen ersten Chai, worauf auf jeden Fall noch sehr viele weitere folgen werden.
Danach ging zum ersten Mal so richtig los. Mit 2 Mitarbeiterinnen ging es auf die Straßen Mumbais um im Projekt Ankur (ein vor 2 Jahren ins Leben gerufenes Projekt, welches sich auf Kinder mit Behinderungen konzentriert) zu arbeiten. Das Ziel war es erstmal, zu sehen, wie es 2 Patientinnen die in einem Rotlichtviertel wohnen, geht. Falls diese von Krankheiten oder anderen Problemen betroffen sind, wird dann innerhalb der nächsten Tage, bzw. sobald es möglich ist, gehandelt. Auf dem Weg begegnete ich dem ersten großen Klischee Indiens. Na, wer errät es? Mein kurzzeitiges Erschrecken, als der Schwanz einer Kuh gegen mein Bein schlug, wandelte sich schnell in ein Schmunzeln. Ich glaube, auch nach der hundertsten wird das noch nicht zur Normalität werden. Kühe sind ja auch in Deutschland verhältnismäßig sehr entspannte Tiere. Beeindruckend ist trotzdem, wie gelassen sie da nur ein paar Zentimeter neben Massen an Menschen, Autos, Geräuschen und Fahrrädern (deren Fahrer übrigens auch sehr gut im Dauerklingeln sind) den Tag verstreichen lassen.
So verging der erste Arbeitstag auch für mich wie im Fluge. Die Mitarbeiter werden ich dann erst in einer Woche wiedersehen, da es schon morgen zum ersten Mal ins -Agape Village- gehen wird. Pünktlich bevor es das erste Mal für ein paar Tage weg geht (sehr viel schneller als eigentlich geplant), habe ich auch endlich einen Schlüssel für meine Tür und ein weiteres Türschloss bekommen. Vielleicht ist das kurzzeitige Auszeit von der Großstadt für jemanden wie mich, der von jetzt auf gleich von einem 500-Einwohner-Dorf in eine knapp 12-Millionen-Metropole zieht, auch gar nicht so schlecht. Allerdings komme ich bisher überraschend gut mit allem zurecht. Sogar das Überqueren der Straßen war zwar nicht einfach, aber schnell machbar. Das ist der Vorteil an so vielen Menschen: Man findet schnell jemanden, der einem gern hilft! Na ja, oder man hängt sich eben einfach vertrauensvoll an einen Einheimischen und wirkt als würde man das schon jahrelang tun. Bei meiner ersten Einkaufstour, bei der ich mir endlich indische Kleidung zugelegt habe, um ein klein bisschen weniger aus der Masse herauszustechen, wurde mir bewusst, wie viele Arbeitsplätze in manchen Läden geschaffen werden. Diese reichen natürlich trotzdem längst nicht aus, um einen drastischen Unterschied bemerkbar zu machen, allerdings gibt es hier für jede erdenkliche Aufgabe einen Mitarbeiter (zumindest in den größeren und westlicheren Läden in denen ich war). In dem Laden der mir von Timothy und Sonali empfohlen wurde, gab es einen Mann, der mir die Tür öffnete, einen Sicherheitsbeauftragten (vielleicht war er auch nur zum -Hallo sagen- zuständig, da bin ich mir nicht sicher :D), jemanden der mir eine Einkaufstasche reichte und zu guter Letzt einen Mitarbeiter der die Kasse beobachtete und extra für mich eine Neue öffnen ließ. Zugegeben, ein bisschen viel war die Aufmerksamkeit schon, etwas gegen die fehlende Wartezeit hatte ich aber auch nicht. Dass meine Kleidungsauswahl gut war, bestätigte mir auch eine nette Dame die neben mir an der Kasse stand (Die Kleider sind auf dem Bild zu sehen). Da mein Geld dann doch schneller als gedacht alle war, kam mir der Geldautomat auf dem Weg zurück gerade recht, um in den nächsten Tagen nicht vollkommen ohne Geld im Bergdorf zu sein. Alles in allem also bisher sehr ereignisreiche und schöne Tage. Jetzt muss ich aber zum Essen, es gibt Curry! (Abendessen gibt’s hier meist gegen 9, also sehr viel später als gewohnt. Allerdings bekämpfen die gestern gekauften Bananenchips, Früchte und Kekse den Hunger, falls welcher aufkommt, ziemlich gut!) Mal sehen wann ich wieder von mir hören lasse, da ich in den nächsten Tagen wahrscheinlich kein Internet haben werde, da sich das mit der Simkarte hier sehr schwierig gestaltet.

        

Bis die Tage, Michelle

Wer kann am schnellsten über die rote Ampel fahren?

Gestern war es nach fast einem Jahr Planung und ´Gespannt-sein‘ endlich soweit… das Flugzeug in Richtung Subkontinent hat inklusive mir abgehoben. Zum Glück wurde ich dabei schon in den ersten Stunden meines Abenteuers von der Tatsache, so viele liebgewonnene Menschen über 9 Monate nicht zu sehen, abgelenkt. Einen Tag vor Beginn wollte ich die Möglichkeit ausnutzen, mich im Online-Check zu registrieren. Blöd nur, wenn man damit wichtige Informationen überklickt (erfahrenere Flieger oder auch Menschen, die mitdenken, hätten sich das wohl auch denken können) und übersieht, dass das Mitführen eines Pfeffersprays vollkommen illegal ist, nur ein Feuerzeug pro Person erlaubt ist und eine Powerbank im Koffer nichts zu suchen hat. Jetzt bin ich auf jeden Fall auch schlauer und genug Aufmerksamkeit habe ich sicherlich auch von den zahlreichen ungeduldig wartenden Fast-Urlaubern bekommen. Als dann alles Verbotene aus meiner Tasche verbannt war und auch der Abschied schweren Herzens hinter mir lag hätte es eigentlich losgehen können… wäre da nicht der erste indische Bürger gewesen, der mir wohl in Erinnerung bleiben wird. Ein Mann, dem es scheinbar in Deutschland so gut gefiel, dass er seinen Sitzplatz trotz unzähliger Aufforderungen, unter anderem durch den Kapitän, sturköpfig nicht einnehmen wollte. Somit hatte ich aber jemanden gefunden, der weit mehr Aufmerksamkeit als ich beim Ausräumen meines gesamten, kleinteiligen Kofferinhalts bekam. Nach etwa einer halben Stunde gab es keinen anderen Ausweg, als die Polizei einzuschalten und den Mann aus der Maschine zu bringen. Nachdem auch der Koffer gefunden wurde, konnten die nächsten 8 Stunden in der Luft eingeleitet werden und ich konnte es mir mit vielen Filmen gemütlich machen.

Am Flughafen dann die erste Überraschung: Mindestens 15 Männer mit Rollstühlen, die darauf warteten, Menschen zu befördern. Gut, der Weg bis zum ‘immigration point’ war auch nicht gerade ein Katzensprung, aber da sagt mir nochmal jemand, dass Menschen mit Behinderung in Indien überhaupt gar keine Chance hätten… Ich werde das weiter beobachten Also auf zur Visa-Kontrolle, die überraschenderweise vollkommen unproblematisch verlief, allerdings auch, weil ich glücklicherweise das Employmentvisum statt eines verdächtig-wirkenden Touristenvisums bekam. Als ich dann auch nur auf den zweiten Blick meinen Namen auf einem der gefühlt 3000 Schilder entdeckt habe, nahm meine kurzzeitige vollkommen auf mich allein gestellte Zeit auch schon wieder ein Ende. Timothy und der Taxifahrer standen schon bereit und meine Tasche musste ich nicht einmal selbst tragen :). Los ging es nun also in den indischen Verkehr. Dass die Hupe eine häufiger genutzte Autofunktion als in Deutschland ist, war ja abzusehen. Dass eine rote Ampel hier aber scheinbar keine Bedeutung hat, war mir neu, zumindest wenn ich Timothys Worten glauben schenke. Dass ich beim Versuch, mich anzuschnallen, komisch angeschaut werde, hätte ich mir auch vorher denken können (es war aber ohnehin keine Befestigung für den Gurt im Auto). Entlang einer Straße ohne Markierung, ohne vorgegebene Seite auf der überholt wird oder Helme auf den Köpfen der Mofafahrer ging es nun in das Haus, was sich die nächsten 9 Monate mein Zuhause nennen wird.

Nach diesem Tag fiel es mir leicht, mich in meinem neuen Bett niederzulassen und all die Geräusche – seien sie von der Straße (die ich übrigens gern aufnehmen und zum Nachempfinden einfügen würde), dem Ventilator oder der Klimaanlage – auszublenden und in einen tiefen Schlaf zu verfallen. In den nächsten Tagen wird zum ersten Mal Mumbai bei Tag erkundet, indisch gegessen und am Montag beginnt auch schon der erste Arbeitstag. Mal sehen, was mich alles erwartet…

Bis bald, liebe Grüße, Michelle:)

 

Freiwilligendienst Nr. 3

Hallo liebe Blogleser,

ich heiße Michelle Treu, bin 18 Jahre alt und habe in diesem Jahr mein Abitur in der Nähe von Jena gemacht. Um nach der Schulzeit mal etwas aus dem perfekt organisierten deutschen Alltag herauszukommen, sah ich einen Freiwilligendienst schon lang als perfekte Möglichkeit an. Als dann Seek and Care auf einem Berufsinfomarkt in meiner Schule vertreten war, wurde ich sofort von den Projekten, Bildern und Worten mitgerissen. Auch Blogeinträge der vorherigen Freiwilligen machten es mir leicht, meine Überlegungen zu umsetzbaren Plänen zu machen und als dann so langsam alles ins Rollen kam, ebenso meine Vorfreude zu vergrößern.

Schon jetzt, bevor es überhaupt so richtig losgegangen ist, bin ich schon dankbar für all die neuen, tollen Bekanntschaften die ich machen konnte und die Menschen die mir meinen Freiwilligendienst innerhalb meines Unterstützerkreises auch finanziell ermöglichen. Auch Naomi und Till konnte ich bereits persönlich kennenlernen und mir von ihren Erlebnissen berichten lassen. Darüber hinaus sogar schon Timothy und Sonali, die im Juni, wie in den vorigen Blogeinträgen lesbar, auch in Jena unterwegs waren.

Auch wenn es, gerade als weibliche und auch noch blonde Person, nicht immer einfach ist seine Mitmenschen von diesem Vorhaben zu überzeugen, gibt es oft genug Menschen die ohne zu überlegen sofort hinter einem stehen und es beeindruckend finden, dass man diesen Schritt wagen möchte.
Vom 08.09.18 bis mindestens 07.06.19 werde ich mein Bestes geben und die Mitarbeiter von Imcares tatkräftig unterstützen und hier von meinen Erlebnissen berichten. Schaut also gern öfter mal rein 🙂